1526–1739

Frommer Glaubenseifer als Herrschertugend

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Von Ferdinand II. wird der Ausspruch überliefert, er wolle lieber über eine Wüste herrschen als über ein Land voller Ketzer. Schutz und Förderung der "wahren Religion" – und das war aus habsburgischer Sicht immer die katholische – zählten für die Habsburger zu den wichtigsten Herrscherpflichten.

Am nächsten Tag hatte ich bei der Kaiserin Mutter Audienz, einer Fürstin von großer Tugend und Güte, die sich aber selbst sehr mit ihrer übertriebenen Frömmigkeit brüstet und fortwährend außerordentliche Bußübungen verrichtet, ohne jemals etwas getan zu haben, um sie zu verdienen.

Lady Wortley Montagu 1716 über den religiösen Eifer der Kaiserin Eleonore, Witwe nach Leopold I. Zitiert nach Breunlich, Maria (Hg.): Lady Mary Montagu. Briefe aus Wien, Wien 1985, S.36

Sein Gewissen ist zart, und der Kaiser wolle gerne eine reine und unbefleckte Seele beim Jüngsten Gericht Gott dem Allmächtigen zubringen.

Johann Ulrich von Eggenberg, der engste Berater und Vertraute Kaiser Ferdinands II. über seinen Herrn. Zitiert nach: Sturmberger, Hans: Kaiser Ferdinand II. und das Problem des Absolutismus, in: Land ob der Enns. Aufsätze und Vorträge, Linz 1979, S.161

Die Habsburger schöpften aus der Religion das Recht auf unumschränkte Herrschaft, als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches waren sie fest überzeugt von einem göttlichen Auftrag in der Ausübung des höchsten weltlichen Amtes der Christenheit. Das Gottesgnadentum war fest verankert in der Idee des Kaisertums. Im Haus Habsburg war es durch das Tragen zweier weiterer „heiliger Kronen“, der böhmischen St. Wenzelskrone und der St. Stephanskrone Ungarns, gleichsam vervielfacht. Dies bedeutete einen enormen Autoritätsgewinn im religiös verankerten Denken der Zeit.

Der quasireligiöse Nimbus um die kaiserliche Majestät wurde in den Riten der katholischen Kirche verstärkt. Sämtliche wichtigen Ereignisse staatspolitischer oder familiärer Art wurden von Dankgottesdiensten, Bittprozessionen, öffentlichen Andachten und feierlichen Hochämtern begleitet und umrahmt. Religiöse Feste wurden am Hof der streng katholischen Habsburger stets mit besonderer Würde und enormem Aufwand begangen.

Das religiös untermauerte Kaisertum der Habsburger wurde dabei durchaus als Gegenentwurf zum französischen Königtum Ludwigs XIV. mit seiner Betonung des weltlichen Prunkes verstanden.

Ein ideales Beispiel für die habsburgische Sicht der gottgewollten Ordnung stellt die Pestsäule in Wien, eine Stiftung Leopolds I., dar. Das Monument ist von einer vergoldeten Darstellung der Dreifaltigkeit bekrönt. Der massive Sockel steht für die irdische Macht des Hauses Habsburg, gekennzeichnet durch die Wappenschilder der Kronländer. Auffallend ist die Darstellung des Kaisers, der demütig kniend als Fürbitter seiner schutzbefohlenen Untertanen dargestellt ist. Zwischen diesen beiden Polen fungieren auf einer Wolkenpyramide die Landespatrone und Hausheiligen der Dynastie als Vermittler.

Die öffentlich demonstrative Gottesfurcht war für viele Habsburger jedoch nicht nur leeres Ritual, sondern ein inneres Bedürfnis: Vor allem Ferdinand II. und Leopold I. haben zahlreiche Zeugnisse einer intensiven persönlichen Frömmigkeit, die sich zur Bigotterie steigern konnte, hinterlassen. Bis zu drei Messbesuche pro Tag oder mehrstündige, ja mehrtägige Gebete für das Wohl des Landes in Krisenzeiten waren Bestandteil des Hoflebens.

Besonders stark war der religiöse Aspekt in der Lebensführung der Frauen aus dem Hause Habsburg. Aktive Religiosität war Teil der zeitgenössischen Idealvorstellung von Weiblichkeit: Hier konnten Frauen Initiativen entwickeln, Vorbild oder mildtätiger Gegenpol zur Härte des Herrschers sein. Verstärkt galt dieser Tugendkatalog für habsburgische Witwen, wo ein vollkommener Rückzug aus den weltlichen Vergnügungen gefordert wurde.

Martin Mutschlechner