1768–1835

Franz I. und das Kaisertum Österreich

Druckversion

Die alte feudale Ordnung Europas geriet aus den Fugen, als sich Napoleon Bonaparte 1804 in einer spektakulären Selbstkrönung zum Kaiser der Franzosen machte. Zur Kompensation des imperialen Anspruchs der Dynastie verkündete Franz am 11. August 1804 die Annahme des Titels und der Würde eines Kaisers von Österreich.

Für Franz war die Schaffung des österreichischen Kaisertums eine Notlösung und kein wirklicher Ersatz für den ehrwürdigen Titel eines Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Es sollte durch die Auflösung des Alten Reiches nur um jeden Preis verhindert werden, dass im Falle einer Wahl Napoleons durch die Kurfürsten das Haus Habsburg zum Vasallen des Usurpators werden müsste. Bezeichnenderweise wurde die neue österreichische Kaiserwürde mehr oder weniger „amtlich dekretiert“, eine feierliche Krönung gab es nicht.

Diese Offensivmaßnahme des Habsburgers wurde konterkariert durch die Niederlagen der Monarchie im Dritten Koalitionskrieg (1805–1807) gegen Frankreich, in dem Österreich trotz seines Bündnisses mit Russland und England in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Wien wurde von französischen Truppen kampflos besetzt und die kaiserlichen Truppen in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz in der Nähe von Brünn vernichtend geschlagen. Im Frieden von Pressburg musste Franz daraufhin massive Gebietsverluste hinnehmen: neben dem erst 1797 erworbenen Venetien und Dalmatien musste Österreich Istrien, Tirol und Vorarlberg abtreten. Als Kompensation gelangte Salzburg an Österreich.

1809 versuchte Franz das Ruder herumzureißen und erklärte Napoleon neuerlich den Krieg. Die Franzosen besetzen wiederum Wien, und Napoleon residiert von Mai bis Oktober 1809 in Schönbrunn. Auf den Sieg der kaiserlichen Truppen in der Schlacht von Aspern bei Wien unter der Führung von Erzherzog Karl folgte kurz darauf die Niederlage in der Schlacht von Wagram. Auch der „Freiheitskampf“ der Tiroler unter Andreas Hofer brach mangels Unterstützung durch den Wiener Hof zusammen. Trotz anfänglicher Zusicherung seiner vollen Unterstützung opferte Franz den Volksaufstand mit Kalkül den außenpolitischen Notwendigkeiten. Im Frieden von Schönbrunn 1809 hatte Franz neuerlich herbe Gebietsverluste hinzunehmen. Österreich musste Salzburg und Teile Oberösterreichs an Bayern abtreten; Görz, Triest, Krain und Teile Kärntens gingen an das von Verwandten Napoleons regierte Königreich Italien, Westgalizien an das neu gegründete Großherzogtum Warschau.

Als besondere Demütigung wurde die Heirat Napoleons mit Franz’ ältester Tochter Marie Louise empfunden. Napoleon beabsichtigte eine eigene Dynastie zu gründen und sah in der Habsburgerin eine geeignete Stammmutter von altehrwürdiger Herkunft. Die Verbindung wurde innerhalb der Familie massiv abgelehnt. Die Durchsetzung der Heiratspläne war das erste große Werk von Metternich, der seit 1809 die außenpolitischen Belange der Monarchie de facto im Alleingang entschied. 

Martin Mutschlechner