Eine allzu geschlossene Gesellschaft

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Im Schatten des habsburgischen Thrones begann sich im 17. Jahrhundert eine Führungsgruppe von wenigen hochadeligen Familien herauszukristallisieren, deren klingende Namen noch heute bekannt sind: Liechtenstein, Schwarzenberg, Esterházy, Lobkowicz – um nur die wichtigsten zu nennen.

Diese führenden Familien des Reiches waren eine in sich geschlossene Gruppe mit starkem Hang zur sozialen Abgrenzung, was auch den Vorteil hatte, dass der Zugang zu lukrativen und einflussreichen Posten bei Hof auf wenige Familien limitiert war. Es bildete sich somit eine Art hochadelige Oligarchie, die viel Wert auf die Betonung ihrer exklusiven Herkunft legte.

Eine strenge Hierarchie prägte die österreichische Adelsgesellschaft. Im Kern ging es um die Ordnung der Rangfolge, ein diffiziles Problem, das eine genaue Kenntnis der Geschichte der Familien und ihrer Privilegien voraussetzte. Zu entscheiden, wer vor wem steht, sitzt, geht etc. klingt für heutige Verhältnisse relativ einfach. Bei Hofe realisierte sich dadurch aber das „soziale Kapital“ des Aristokraten. In der Rangfolge von Personen spiegelten sich Jahrhunderte wider, in denen über mehrere Generationen hinweg adelige Ehre angehäuft wurde. Prinzipiell unterschied man zwischen verschiedenen Adelsrängen wie Fürst, Graf, Baron etc., innerhalb derer wiederum der Zeitpunkt der Erlangung des jeweiligen Grades ausschlaggebend für die Stellung bei Hof war. Was heute oft als sinnentleerte Standesdünkel und unfreiwillig komische Titelsucht erscheint, war damals essentiell für das adelige Selbstverständnis.

Während die adelige Rangfolge die Vergangenheit verkörperte, sollte durch die sorgfältige Auswahl der Heiratspartner die Zukunft des adeligen Hauses gesichert werden. Die habsburgische Hocharistokratie war mehrfach mit einander verwandt und verschwägert. Neben dem primären Ziel des biologischen Fortbestehens der Familie galt es doch auch Maßnahmen zur Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung der hohen Stellung zu setzen. Dank dieses Netzwerkes konnte die in sich geschlossene Hocharistokratie als „Erste Gesellschaft“ der habsburgischen Monarchie nicht nur ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Privilegien, sondern auch ihre weitreichenden politischen Einflussmöglichkeiten bis 1918 erhalten.

Die besondere Wichtigkeit der hochadeligen Abstammung erklärt die oft kritisierte Selbstbezogenheit der aristokratischen Eliten Österreichs, die zu einem Markenzeichen des konservativen Wiener Hofes wurde, der als elitärster Europas galt. ‚Man‘ blieb unter sich und war exklusiv im wahrsten Wortsinn – nämlich ausschließend: bürgerliche Industrielle, Gelehrte, selbst geadelte Aufsteiger waren von den höchsten Kreisen ausgeschlossen, es herrschte eine strenge Trennung zwischen erster (= hocharistokratischer) und zweiter (= großbürgerlicher) Gesellschaft im sozialen Umgang. Die Kehrseite davon war eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem Anspruch des Adels auf die Führungsrolle in der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung und den tatsächlichen Möglichkeiten, als im 19. Jahrhundert außerhalb des Hofes das Bürgertum längst die Initiative übernommen hatte.

Martin Mutschlechner