Ein Jahr bei Hofe – der Hofkalender

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Für die altösterreichische Aristokratie war der Kaiserhof nicht nur das ideelle Zentrum seiner Existenz, sondern auch der Rhythmus des gesellschaftlichen Lebens richtete sich nach den strengen Vorgaben des habsburgischen Hofes.

Das höfische Jahr begann mit dem Neujahrsempfang bei Hofe. Der Adel des Reiches erschien in der Hofburg, um dem Kaiser seine Reverenz zu erweisen und die Neujahrsglückwünsche an das Kaiserhaus zu überbringen. Dies geschah nach einem ausgeklügelten Ablauf, der die feinen hierarchischen Abstufungen, die das Hofleben prägten, sichtbar machte. Denn nur dem diplomatischen Corps, Mitgliedern regierender Häuser und den obersten Hofchargen war es vorbehalten, ihre Aufwartung dem Kaiser persönlich zu machen. Die Angehörigen der hoffähigen Aristokratie mussten mit dem Obersthofmeister als Stellvertreter des Kaisers vorlieb nehmen, der die Glückwünsche anschließend dem Monarchen überbrachte.

Analog geschah dies bei den Damen: Die Gattinnen der Botschafter und höchsten Hofwürdenträger wurden von der Kaiserin persönlich empfangen, während die übrigen Damen der Aristokratie vor der Obersthofmeisterin, der Vorsteherin des Hofstaats der Kaiserin, zu erscheinen hatten.

Mit der Neujahrscour galt die gesellschaftliche Saison als eröffnet. Es begann ein Reigen von Ballveranstaltungen, Maskenfesten und anderen Vergnügungen. Den Höhepunkt der Ballsaison, auf die sich das geschäftige Treiben zuspitzte, bildeten die beiden Bälle des Hofes. Zunächst fand der Hofball statt: Dieser war sozusagen der Staatsball der Monarchie, zu dem 2000 Gäste der Wiener Gesellschaft geladen wurden. Neben der aristokratischen Elite hatten hierzu auch Persönlichkeiten des politischen und wirtschaftlichen Lebens sowie hohe Offiziere der Armee Zutritt. Zwei Wochen danach traf sich die Erste Gesellschaft zu einer exklusiveren Veranstaltung, die nur für den hoffähigen Adel reserviert war: Der „Ball bei Hofe“ war der absolute gesellschaftliche Höhepunkt, um den zu besuchen eine persönliche Einladung des Kaisers vonnöten war.

Mit dem Aschermittwoch endeten die Tanzsaison und die lauten Vergnügungen abrupt. Während der Fastenzeit wurden keine Tanzveranstaltungen gegeben, nur Konzerte und Soireen waren erlaubt. Es begann der Reigen geistlicher Festtage, die ebenfalls wichtiger Bestandteil des höfischen Gesellschaftslebens waren. Den Abschluss der gesellschaftlichen Saison in Wien bildete die Fronleichnamsprozession, durch die die traditionell sehr enge Verbindung zwischen Thron und Altar augenscheinlich demonstriert wurde, und bei der die Hofgesellschaft sich noch einmal nach Rang und Namen geordnet als Gesamtheit präsentierte.

Im Sommer verließ der Großteil des Wiener Adels die Stadt und begab sich auf die Landgüter. Es war dies die Zeit der Sommersejours, die der Erholung und der Verfolgung eigener Interessen dienten, unterbrochen von Besuchen auf den Landsitzen benachbarter Adelsfamilien.

Der Herbst stand im Zeichen der Jagd, die vom Adel traditionell als feudales Vorrecht beansprucht und als standesgemäßer Sport gesehen wurde. Familien, die über entsprechenden Waldbesitz verfügten, luden zu großen Jagdpartien, bei denen das Zusammengehörigkeitsgefühl des Adels gestärkt wurde.

Bald nach Weihnachten kehrte dann wieder Leben in die Wiener Stadthäuser des Adels ein und der Reigen der gesellschaftlichen Veranstaltungen begann aufs Neue.

Martin Mutschlechner