1857–1913

Die versunkene Kiste: Der Bau der Wiener Hofoper am Ring

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Der neuen Wiener Hofoper am Ring fehlte ein Sockel – die WienerInnen nannten sie daher eine "versunkene Kiste".

Der Sicardsburg und van der Nüll,
Die haben beide keinen Styl!
Griechisch, gotisch, Renaissance,
Das ist denen alles ans!

Spottvers auf Sicardsburg und van der Nüll.

Den Bauplatz für das neue Opernhaus am Ring hatte Kaiser Franz Joseph selbst ausgesucht. Auch die Baukosten von sechs Millionen Gulden zahlte er aus seiner Privatschatulle. Als Architekten wurden in einer öffentlichen Ausschreibung im Jahr 1861 August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll gewählt.

Schon vor ihrer Fertigstellung wurde die neue Oper mit beißender Kritik bedacht. Durch die Einebnung des Stadtgrabens war das Straßenniveau der Ringstraße nachträglich um einen Meter angehoben worden, die Oper schien nun „zu tief im Boden zu stecken“. Über die beiden Architekten waren Spottverse im Umlauf.

Die fantasievollen Vergleiche reichten von einer „versunkenen Kiste“ bis hin zu einem „in der Verdauung liegenden Elefanten“. Dies kam auch dem Kaiser zu Ohren. Angeblich soll er, als er das Gebäude sah, zu einem Adjutanten geäußert haben: „Die Leute haben doch recht. Das Gebäude steckt wirklich zu tief im Boden.“

Der Tadel des Kaisers verbreitete sich rasch und wurde auch den Architekten zugetragen. Angeblich wegen der harschen Kritik erhängte sich der (allerdings schwer kranke) van der Nüll am 4. April 1868. Nur zwei Monate später starb auch Sicardsburg nach einer schweren Operation, vermeintlich aus Kränkung über den Tod seines Freundes. Beide erlebten die Eröffnung der Hofoper mit Mozarts „Don Giovanni“ nicht mehr. In der Presse mangelte es nicht an Schuldzuweisungen. Kaiser Franz Joseph soll sich den Tod seiner Architekten so zu Herzen genommen haben, dass er fürderhin bei der Eröffnung und Besichtigung von Ausstellungen und ähnlichen Veranstaltungen sein Urteil auf: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“ beschränkte.

Julia Teresa Friehs