1526–1739

Die Fronleichnamsprozession – der "Hofball Gottes"

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Die Eucharistieverehrung war ein Leitmotiv habsburgischer Gottesfurcht. Die am Wiener Hof mit großem Aufwand begangene Fronleichnamsprozession war nicht nur ein prächtiges Spektakel für die Öffentlichkeit, sondern das Ereignis für die Sichtbarmachung des katholischen Selbstverständnisses der Habsburger.

Wer dieses imposante, farbenprächtige Bild einmal gesehen hat, kann es nicht leicht vergessen: die goldstrotzenden Uniformen der höchsten Würdenträger, die prächtigen Toiletten der Damen, deren goldgestickte Hofschleppen von Pagen und Lakaien getragen wurden, die Pracht der geistlichen Gewänder, das stramme Auftreten der Garden in ihren malerischen Uniformen, die große Anzahl der Hofbediensteten vom Stallpagen aufwärts, alle in goldverbrämten, mittelalterlich anmutenden Livreen und Kostümen. Und trotz dieser Vielfältigkeit der einzelnen Erscheinungen war der Gesamteindruck der Erscheinungen doch ein harmonischer.

Zitat aus: Fugger, Nora von: Im Glanz der Kaiserzeit, 2. Auflage , Wien 1980, S. 77; zitiert nach: Winkelhofer, Martina: „Viribus unitis“ Der Kaiser und sein Hof. Ein neues Franz-Joseph-Bild, Wien 2008, S. 123-124

Die Eucharistieverehrung, also die Verehrung des Leibes Christi in Gestalt der geweihten Hostie, gilt seit Rudolf I. als eine der wichtigsten Ausdrucksformen habsburgischer Glaubensstärke. Einer oft zitierten Legende nach begegnete der Habsburger einem Priester, der sich mit dem Allerheiligsten auf Versehgang befand. Als Zeichen seiner Demut gegenüber dem Altarsakrament soll Rudolf dem Geistlichen sein Pferd überlassen und ihn zu Fuß begleitet haben.

Dies war ein sehr populäres Motiv, das in der Dynastie einige Nachahmer gefunden hat. Von mehreren Habsburgern ist überliefert, dass sie angesichts des Allerheiligsten in der Monstranz demütig auf die Knie gefallen seien oder den Priester mit bloßem Haupt zu Fuß begleitet hätten.

Die Eucharistieverehrung wurde in der Zeit der Glaubensspaltung als eine der elementarsten Ausdrucksformen des Katholizismus am Wiener Hof als Zeichen der Treue zur römischen Kirche bewusst gepflegt. So wurde in Zeiten besonderer Gefahr auf kaiserlichen Befehl das Allerheiligste in kostbar gearbeiteten Monstranzen auf den Altären zur Verehrung ausgesetzt, um sich des göttlichen Beistands zu versichern.

Als deutliches Zeichen an die konfessionellen Kontrahenten wurden die Fronleichnamsprozessionen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts am Wiener Hof als öffentliche Großereignisse gestaltet um die Glaubenshoheit über die Stadt zu demonstrieren. Von der Burgkapelle der Hofburg zog die Prozession mit Pauken und Trompeten begleitet über die wichtigste Plätze und Straßen der Wiener Innenstadt.

Angeführt wurde der Zug von drei Priestern, denen eine Abordnung von Hofbediensteten folgte. Danach schritten die Hofgeistlichkeit in vollem Ornat sowie die Hof- und Staatswürdenträger in Gala, darunter nach Rang geordnet die Geheimen Räte und Minister, und schließlich die Erzherzoge einher.

Der Baldachin, unter dem der Hofburgpfarrer die Monstranz mit dem Allerheiligstem hochhielt, wurde von vier adeligen Kämmerern getragen. Gleich dahinter ging der Kaiser mit entblößtem Haupt, begleitet vom Obersthofmeister und flankiert von seinen Gardekapitänen. Abschließend reihte sich der weibliche Teil des Hofes ein, angeführt von der Kaiserin und weiteren weiblichen Mitgliedern der Familie, gefolgt von den Palastdamen, den Gattinnen der höchsten Hofwürdenträger.

Bis zum Ende der Monarchie blieb die Fronleichnamsprozession das sichtbarste Zeichen der institutionalisierten Frömmigkeit des Hofes, denn mit dieser öffentlichen Demonstration wurde klargemacht, dass für das Haus Habsburg der Katholizismus Staatsreligion blieb, auch wenn das Reich multikonfessionell war.

Martin Mutschlechner