Die "Erste Gesellschaft" – der gesellschaftliche Umgang der Aristokratie

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Die Wiener Adelsgesellschaft war nicht nur für ihre Eleganz bekannt, sondern vor allem für ihre Exklusivität. Wer nicht Teil des über Jahrhunderte gewebten Netzwerkes des alten Geburtsadels war, hatte keine Chance, als gleichwertiger Partner am gesellschaftlichen Leben des Adels teilnehmen zu können.

Der Großteil des gesellschaftlichen Lebens der Kaiserstadt fand im Winter und Frühjahr statt, die erste Jahreshälfte galt als die gesellschaftliche Saison. Sommer und Herbst verbrachte man auf seinen über die gesamte Monarchie verstreuten Landgütern. Der Grund dafür lag in der historischen Verankerung des Adels mit seinem Landbesitz, der nicht nur die materielle Grundlage des Reichtums bildete, sondern auch für das adelige Selbstverständnis ausschlaggebend war.

Der alljährliche Aufenthalt in Wien bildete den Höhepunkt der sozialen Interaktion innerhalb der Adelsgesellschaft. Ein Reigen von gegenseitigen Besuchen, Empfängen und Einladungen entspann sich. Es galt, den gesellschaftlichen Pflichten nachzukommen, sich abends in der Oper, bei Soireen und Empfängen zu zeigen und tagsüber Freunde und Verwandte zu besuchen. Es war dies die beste Gelegenheit, soziale Netzwerke zu knüpfen, da nun alle StandesgenossInnen in der Residenzstadt anwesend waren.

Eine der wichtigsten Konstanten des Gesellschaftslebens war die Institution des aristokratischen Salons, den zu frequentieren fixer Bestandteil des adeligen Tagesprogramms war. Führende Damen der Gesellschaft öffneten zu festgesetzten Zeiten ihre Salons, wo Mitglieder der Aristokratie ohne explizite Einladung erscheinen konnten und die so zu einem Treffpunkt der Angehörigen derselben Rangstufe wurden. Man traf sich, um Neuigkeiten des politischen und kulturellen Lebens der Residenzstadt auszutauschen, aber auch um den neuesten Klatsch und Tratsch zu erfahren. Dieses Ritual der gegenseitigen Besuche unter seinesgleichen bildete den Kitt für den Zusammenhalt der ‚Crème de la Crème‘ der Gesellschaft.

Der Fasching war die Zeit des Amusements jeglicher Art. Neben den öffentlichen Tanzfesten, an denen die gesamte elegante Welt von Wien teilnehmen konnte, gab es noch die exklusiveren Hausbälle, zu denen die führenden Adelsfamilien in ihre Stadtpalais luden. Hierzu konnte man keine Ballkarten käuflich erwerben, nur Gäste, die über eine persönliche Einladung verfügten, fanden hier Zutritt – und der altösterreichische Adel legte auch hier höchsten Wert auf gesellschaftliche Exklusivität. Wer jedoch zu den Auserwählten zählte, dem eröffnete sich eine Welt gediegener Eleganz und erlesenen Geschmacks, denn die Adelshäuser versuchten sich durch glanzvolle Prachtentfaltung gegenseitig zu überbieten.

Die sich nur auf wenige Monate pro Jahr erstreckende gesellschaftliche Saison war für alle TeilnehmerInnen aufwändig und anstrengend, psychisch wie materiell. Es wurde ein enormer Aufwand getrieben, denn jede hochrangige Familie gab einen Ball, sodass in der Faschingszeit oft zwei bis drei Bälle pro Woche besucht wurden. Angesichts der hohen Ansprüche der Wiener Adelsgesellschaft an eine angemessene Erscheinung, galt es vor allem für die Damen, die Konkurrenz mit ständig neuen Kreationen der Schneiderkunst zu übertrumpfen. Das Wiener Luxuswarengewerbe konnte sich alljährlich über enorme Umsätze freuen.

Martin Mutschlechner