Der Kaiser im Klassenzimmer

Druckversion

Heute schmücken die Fotos der Landeshauptleute und des Bundespräsidenten die Klassenzimmer. In der Habsburgermonarchie war im 19. Jahrhundert das Abbild des Kaisers allgegenwärtig.

Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät

Franz Joseph I.

Von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich

König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien,

Lodomerien und Illyrien;

König von Jerusalem. etc.

Erzherzog von Österreich

Großherzog von Toskana und Krakau;

Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyr, Kärnten, Krain und der Bukowina;

Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren;

Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara,

Gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradiska;

Fürst von Trient und Brixen;

Markgraf von Ober- und Niederlausitz und Istrien;

Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc.,

Herr von Triest, von Cattaro und auf der windischen Mark;

Großwojwod der Wojwodschaft Serbien

Etc. etc.

Es handelt sich hierbei um den so genannten 'Großen Titel' des Kaisers, der wie man an den "etc"-Stellen erkennen kann, dennoch ein gekürzter war. Im Februarpatent von 1861 war der vollständige Titel von Kaiser Franz Joseph nachzulesen, der nicht weniger als drei Seiten einnahm und seit 1866 geführt wurde.

Zum Kanon der Schulbildung gehörte es, dass man den Titel des Kaisers auswendig lernte. Die Titulierungen änderten sich im Laufe der Zeit mit dem Gewinn und Verlust von Ländern der Monarchie. Neben den Titeln, die den Besitz anzeigten, waren auch einige darunter, die aus historischen Gründen geführt wurden. Habsburg und Kyburg beispielsweise bezogen sich auf den ursprünglichen Besitz der Habsburger, der allerdings seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr zu ihrem Territorium gehörte. „Erzherzog“ war der Geburtstitel aller im Hause Habsburg geborenen Prinzen. Sehr befremdlich allerdings mag der Titel „König von Jerusalem“ erscheinen. Als reiner Anspruchstitel, der bereits 1520 von Karl V. geführt worden war, eröffnete er die religiöse Dimension der ansonsten auf Gebiete und Besitztümer bezogenen Titulierungen. Zwar ist die Benennung „König von Jerusalem“ auf die Kreuzzüge (11. Jahrhundert bis 13. Jahrhundert) zurückzuführen, doch die Frage des Anspruches ist verwirrend. Undurchsichtige Erb- und Heiratspolitiken rechtfertigten zumindest für die römisch-deutschen HerrscherInnen das Führen dieses umstrittenen Titels.

Die Machtfülle, die der ‚Große Titel‘ des Herrschers repräsentierte, leitete sich nicht ausschließlich aus realen Ansprüchen her, sondern war auch symbolisch zu verstehen, nach dem Motto: Große Titel für große Herren. Je nach Wichtigkeit und Dringlichkeit wurde jedes Dokument vom Herrscher mit dem Großen, Mittleren oder Kleinen Titel versehen. Etwas einfacher verhielt es sich im persönlichen Gespräch mit dem Kaiser: Begegnete Franz Joseph einem anderen Monarchen gleichen Ranges, stellte er sich nur mit Vornamen vor – einem schlichten „Franz Joseph“. Beim Zusammentreffen mit einem anderen Souverän niedrigeren Ranges wurde „Kaiser“ vor dem Vornamen verlangt.

Anita Winkler