1797–1826

Das Sonntagskind Leopoldine

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Erzherzogin Leopoldine war ein Ausnahmekind und entsprach nicht den landläufigen Vorstellungen einer Prinzessin: Sie interessierte sich mehr für Mineralogie und geistige Beschäftigungen als für die Äußerlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens.

Man muss, indem man den Charakter der Kinder von Grund aus studiert, damit beginnen, dass man ihn nach ihren Neigungen zu bilden versucht, aber vor allem ist es notwendig, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, sie aufrichtig und offen zu machen und ihnen Abscheu vor jeder Lüge, Doppelzüngigkeit, Hinterlist, Klatscherei einzuflössen. Man muss ihnen die einzige Leidenschaft, die sie haben müssen, beibringen, nämlich die der Humanität, des Mitleids und des Verlangens, ihr Volk glücklich zu machen.

Erziehungsgrundsätze Leopolds II.

Leopoldine Josepha Carolina wurde am Sonntag, den 22. Jänner 1797 geboren. Sie war das fünfte Kind von Kaiser Franz II./ I. und Marie Therese von Neapel-Sizilien. Erzogen wurde sie nach den Erziehungsrichtlinien, die ihr Großvater, Kaiser Leopold II. aufgestellt hatte. Daraus entwickelten sich auch die Grundsätze, die sie mit neun Jahren als Schönschreibübung festhielt: „Unterdrücke die Armen nicht. Sey mildtätig. Murre nicht über die Schickung Gottes, sondern bessere deine Sitten. Ernstlich müssen wir uns bestreben gut zu seyn.“

Zum Elementarunterricht kam das übliche Ausbildungsprogramm für Töchter aus dem Haus Habsburg: Sprachunterricht in Französisch und Italienisch, Zeichnen, Klavierspiel, Reiten, Schießen. Leopoldine erlebte ihre Mutter Marie-Therese als Sopranistin, die Messen von Joseph Haydn sang, und sie lernte Johann Wolfgang von Goethe kennen, als sie mit ihrer Stiefmutter Maria Ludovica in den Jahren 1810 und 1812 in Karlsbad war. Leopoldines besonderes Interesse lag auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, sie begeisterte sich für Botanik und vor allem Mineralogie.

Die Tropen, deren wissenschaftliche Erforschung damals einen ersten Höhepunkt erreichte, reizten sie besonders. In ihrer Wiener Heimat kam Leopoldine mit den Wundern ferner Länder nur im Schönbrunner Tiergarten und in den botanischen Sammlungen in Berührung. Es ist reizvoll, sich vorzustellen, dass Leopoldine als Kind ihre erste Vorstellung von der phantastischen Zauberwelt der Tropen gerade in den Berglzimmern von Schloss Schönbrunn gewonnen hätte.

Die Formung ihres Charakters war von den habsburgischen Erziehungsgrundsätzen geleitet: Disziplin, Religiosität und Pflichtbewusstsein.

Außerdem waren drei Ereignisse prägend für die charakterliche Entwicklung von Leopoldine: Im April 1807 starb ihre Mutter Marie-Therese. Neun Monate später wurde Maria Ludovica von Este die dritte Ehefrau von Kaiser Franz. Diese „liebe zweite Mama“ wurde im besten Sinne Leopoldines geistige Mutter.

Nach dem verlorenen Krieg gegen Napoleon (Schlacht bei Wagram, Juli 1809) gab Kaiser Franz I. die Zustimmung zur Heirat von Marie Louise, der Schwester von Leopoldine, mit dem „Erzfeind der Habsburger“, Napoleon Bonaparte. Dass ihr Vater das „Ungeheuer Napoleon“ als Schwiegersohn akzeptierte, warf Leopoldine in eine innere Krise.

Gloria Kaiser