Burgund: ein Mythos des Spätmittelalters

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Das Burgundische Reich war ein ethnisch und kulturell vielfältiges Gebilde. Aufgrund seiner politischen Macht, wirtschaftlichen Potenz und enormen kulturellen Strahlkraft war Burgund eine spätmittelalterliche Großmacht.

Das Burgundische Reich ist heute geographisch schwer einzuordnen: Es erstreckte sich über mehrere Regionen, die gegenwärtig verschiedenen Staaten des modernen Europa angehören. Das historische Kerngebiet lag in Frankreich, wobei sich der Schwerpunkt später auf Territorien verlagerte, die heute belgisches, niederländisches und luxemburgisches Staatsgebiet sind.

Das namengebende Stammland, das Herzogtum Burgund mit der alten Hauptstadt Dijon, lag im Osten des Königreiches Frankreich. Der französische König Johann der Gute (1319–1364) übertrug das Gebiet 1363 seinem vierten Sohn, Philipp dem Kühnen (1342–1404), als Kronlehen. Auf Philipp und die von ihm begründete Nebenlinie der französischen Königsdynastie der Valois gehen die burgundischen Herzöge zurück.

Für den weiteren Aufstieg der Burgunderherzöge war die Heirat Philipps des Kühnen mit Margarete von Flandern (1369) entscheidend, die große Gebiete mit in die Ehe brachte: Neben Flandern waren dies die Grafschaften Nevers und Artois sowie die Freigrafschaft Burgund(Franche Comté), die zum Heiligen Römischen Reich gehörten.

Nachdem es unter Philipps Sohn Johann Ohnefurcht (1371–1419) zu keinen größeren Besitzerweiterungen gekommen war, führte die Regentschaft von Philipp dem Guten (1396–1467) durch Kauf, Eroberung und Erbschaft zu weiteren Expansionen. Er vergrößerte sein Herrschaftsgebiet um das Herzogtum Brabant und weitere Territorien im niederländischen Norden (Holland, Seeland, Utrecht) und an der französischen Atlantikküste (Picardie) sowie um die Herzogtümer Luxemburg und Limburg.

Unter Karl dem Kühnen (1433–1477) fand die territoriale Entwicklung durch die Annexion des Bistums Lüttich, des Herzogtums Geldern und zumindest zeitweilig der Herzogtümer Lothringen und Baar ihren Abschluss, wodurch eine Landbrücke zwischen dem eigentlichen Burgund und den Niederlanden geschaffen werden sollte. Der Versuch, im schwäbischen Mittellauf des Rheins weitere Gebiete zu annektieren, scheitert am Widerstand der Schweizer Eidgenossen. Tragisch endete der Konflikt mit den Herzögen von Lothringen: Karl fiel 1477 in der Schlacht vor Nancy. Das Haus Burgund war in männlicher Linie ausgestorben.

Die Entwicklung des Burgunderreiches war eine Erfolgsgeschichte des Spätmittelalters: Binnen dreier Generationen entstand ein mächtiges Staatengebilde. Eine Besonderheit des burgundischen Länderkomplexes war dessen Position zwischen den Machtblöcken  Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, sowohl im geographischen wie lehensrechtlichen Sinn. Die Herzöge von Burgund, die dem französischen Königshaus entstammten und Vasallen des Königs von Frankreich waren, emanzipierten sich aus der französischen Abhängigkeit dank der Schwäche Frankreichs während des Hundertjährigen Krieges mit England. Auch Rivalitäten innerhalb der Zweige der Valois schwächten die königliche Autorität, und die Burgunder profitierten von diesem Machtvakuum. Ähnlich selbstbewusst war auch ihre Position gegenüber dem Heiligen Römischen Reich, dessen Lehensvasallen sie ebenfalls waren. Die Herzöge von Burgund waren ein eigenständiger politischer Faktor, und in einem noch stärkerem Maße eine kulturell prägende Kraft.

Das Reich der Burgunderherzöge war durch seine Heterogenität definiert, denn die verschiedenen Territorien waren ethnisch und kulturell unterschiedlich: Französisch war die Hofsprache, die Untertanen sprachen aber je nach Region Französisch, Flämisch, Niederländisch oder Deutsch. Zum Burgunderreich gehörten die agrarisch dominierten Gebiete des eigentlichen Burgunds genauso wie die holländischen Seehäfen am Atlantik. In Abhängigkeit zu den Herzögen standen kirchliche Territorien wie die Bistumslande von Lüttich ebenso wie die reichen Handelsstädte Flanderns. Die unterschiedlichen Territorien unter einer Herrschaft zusammenzufassen war eine Herausforderung.

Es gab bezeichnenderweise auch keine dominierende Hauptstadt: Der Schwerpunkt verlagerte sich in der dritten Generation weg vom ostfranzösischen, ländlich geprägten Stammland um Dijon hin zu den Niederlanden mit ihrer blühenden Stadtkultur. Gent und später Brüssel wurden Zentren der burgundischen Herrschaft. Das in wenig mehr als einem Jahrhundert entstandene Staatengebilde bestand aus Gebieten ohne historische Verbundenheit: nur der Herrscher an der Spitze bürgte für den Zusammenhalt. Daher war die Symbolsprache der Macht wichtig. Die reiche Hofkultur der Herzöge, die den Mythos Burgunds begründete, diente als Medium, um die Herrschaft zu visualisieren und im Bewusstsein der Zeitgenossen zu festigen.

Martin Mutschlechner